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Rede von Botschafter Heiko Thoms anlässlich des 83. Jahrestages des Massakers von Korjukiwka
Botschafter Heiko Thoms legt Blumen am Denkmal der Opfer des Massakers von Korjukiwka (1943) nieder © Gebietsverwaltung Tschernihiw, Stadtrat von Korjukiwka
Sehr geehrter Herr Vorsitzender der militärischen Gebietsverwaltung Wjatscheslaw Tschaus,
Sehr geehrter Herr Stv. Vorsitzender der militärischen Gebietsverwaltung Iwan Waschtschenko,
Sehr geehrter Herr Bürgermeister Ratan Achmedow,
Liebe Bürgerinnen und Bürger von Korjukiwka,
Dies ist mein erster Besuch in der Region Tschernihiw.
Ich habe viel über den Oblast gehört – über die Kultur, Geschichte und die Menschen, die hier leben. Über ihre Stärke und ihren Mut. Aber natürlich weiß ich auch um die schrecklichen Gräueltaten, die sich in Ihrer Stadt vor über 80 Jahren ereignet haben.
Es gibt keine Wiedergutmachung und keine Entschuldigung für die schrecklichen Verbrechen, für das grausame Massaker, das die Truppen der deutschen Nationalsozialisten hier in Korjukiwka an Tausenden von unschuldigen Zivilisten verübten. Das Ausmaß ist unvorstellbar. Korjukiwka steht für die größte, zynisch so genannte „Strafaktion“ an der Zivilbevölkerung des Zweiten Weltkriegs. Unsere Gedanken sind bei den Angehörigen jener Kinder, Frauen und Männer, die damals starben. Als Botschafter der Bundesrepublik Deutschland stehe ich heute hier, um gemeinsam mit Ihnen zu trauern, im stillen Gedenken an die vielen unschuldigen Opfer.
Aus schwer verständlichen Gründen wurde in Deutschland der Zweite Weltkrieg oft aus der Sicht der Geschichte der Sowjetunion erzählt. Dabei geraten die einzelnen Nationen und Völker, die unter der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft litten – darunter vor allem die Ukrainer – aus dem Blickfeld. Häufig ist pauschal von „den Russen“ oder von „der Sowjetunion“ die Rede.
Viele wissen auch heute noch nicht, dass im Zweiten Weltkrieg auf dem Gebiet der heutigen Ukraine etwa sieben bis acht Millionen Menschen starben. Die Ukraine war einer der zentralen Schauplätze des deutschen Vernichtungskrieges. Orte wie Babyn Jar oder Korjukiwka sind Synonyme für die Massenvernichtungen und die unvorstellbaren Verbrechen, die von deutschen Truppen begangen wurden. Denn wir dürfen nicht vergessen: Es gibt in der Ukraine viele Babyn Jars, viele Korjukiwkas. Und Städte wie Kyjiw, Charkiw, Dnipro und Ihre Gebietshauptstadt Tschernihiw wurden damals massiv zerstört.
Im Bewusstsein um die Verantwortung, die sich für Deutschland aus unserer Geschichte ergibt, besuchte der deutsche Bundespräsident Korjukiwka gleich zweimal – einmal vor und einmal nach Beginn des völkerrechtswidrigen Angriffskriegs Russlands. Die Sorge, dass sich die Geschichte wiederholen könnte, ist an wenigen Orten greifbarer ist als in Korjukiwka.
Unmittelbar nach Beginn der großangelegten Vollinvasion im Februar 2022 wurde Korjukiwka erneut besetzt – dieses Mal von russischen Truppen. Diese Truppen verübten schreckliche Gräueltaten und Menschenrechtsverbrechen. Der Schmerz sitzt immer noch tief.
Jeden Tag begeht Russland neue Kriegsverbrechen, durch die Fortsetzung des Angriffskriegs, den tödlichen Terror gegen Zivilisten und die mutwillige Zerstörung der zivilen Infrastruktur.
Das deutsche Verbrechen in Korjukiwka darf nicht im Schatten der Geschichte stehen und keinesfalls in Vergessenheit geraten. Es verdient seinen Platz in der europäischen Erinnerung. Denn auch das machte der deutsche Bundespräsident nach seinen Besuchen in Korjukiwka deutlich: Die Ukraine gehört zu Europa. Ihre Freiheit ist unsere Freiheit.
Deshalb ist es mir persönlich wichtig, heute hier zu sein – um der ukrainischen Opfer zu gedenken, aber auch, um zu einer ganzheitlichen europäischen Erinnerungskultur beizutragen.
Deutschland weiß aus seiner eigenen Geschichte, wohin Imperialismus, Gewaltherrschaft und die Missachtung des Völkerrechts führen können. Deshalb stehen wir heute klar und entschieden an der Seite der Ukraine. Aus diesem Bewusstsein um – und die Verantwortung für – die von Deutschen begangenen Verbrechen ergibt sich unsere Verantwortung für Freiheit, Unabhängigkeit und Wohlergehen aller Ukrainerinnen und Ukrainer.
Heute ist Deutschland der größte Unterstützer der Ukraine – finanziell, militärisch und humanitär. Wir helfen, die staatliche Handlungsfähigkeit der Ukraine zu sichern und leisten Unterstützung beim Wiederaufbau zerstörter Infrastruktur. Wir stehen der Ukraine im Kampf gegen den Aggressor bei. Und wir engagieren uns für humanitäre Hilfe für die Menschen, die unter diesem Krieg leiden.
Die Zukunft der Ukraine ist unsere Zukunft. Wir unterstützen die Ukraine in ihrem Kampf für Freiheit, Demokratie und Menschenrechte. Wir begleiten die Ukraine auf ihrem Weg in die Europäische Union. Gemeinsam legen wir die Grundlagen für wirtschaftlichen Erfolg.
Diese Worte sind kein Versprechen für die ferne Zukunft. Sie sind eine Verpflichtung für das Hier und Jetzt.
Korjukiwka steht heute nicht nur für das Leid der Vergangenheit, sondern auch für eine gute gemeinsame Zukunft in Partnerschaft, in Europa.
Deutschland glaubt in die Ukraine.
Und Deutschland wird fest an ihrer Seite stehen.
Slawa Ukraini!